Rachelle Nkou

 

TORVALD

„Wann ist man ein Mann? Wann ist man(n) ein Mensch?“

Öfter mal die Perspektive wechseln ... Ausgelöst durch feministische Diskurse hat sich in den letzten Jahrzehnten ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen. Die Frau von heute ist selbstverständlich emanzipiert. Dass dadurch aber die Rolle des Mannes ziemlich ins Wanken geraten ist, entzieht sich oft der allgemeinen Aufmerksamkeit.

Wie definiert sich ein Mann von heute ohne klare Vorbilder und Orientierungshilfen? Welcher Vision folgt er? Das Bekannte, das von den Vätern noch Gelebte, driftet sukzessive immer weiter weg. Konfrontiert mit einer Vielzahl neuer Anforderungen, Bedingungen und Möglichkeiten, sieht er zumeist nur schemenhaft neues Land.

Nach Ibsens revolutionärer Drehung der Optik auf die unselbständig gehaltene Frau in seinem Klassiker „Nora oder Ein Puppenheim“ richtet Rachelle Nkou und ihre Gruppe DAS GUT diese wieder auf den Mann ein. In ihrer Version wird der Ehemann Torvald ins Zentrum gestellt. Am Zenit seiner Karriere als Bankdirektor verliert er plötzlich die Bodenhaftung in seinem Leben und gerät im Spannungsfeld zwischen männlicher Identitätskrise und Bournout-Syndrom ins Schleudern.



PRESSE:

“Ein rasantes, gelungenes Stück (…) In einer postmodernen Leistungsgesellschaft leben Torvald (Alexander Braunshör) und Nora (Birgit Linauer) den perfekten Power-Wellness-Jetset-Lifestyle, Romantik wird mittels Sprachbefehl ins Schlafzimmer geladen. (…)
Ihren Sprint an die Spitze inszeniert Nkou rasant, ironisch, mit verfremdeten Popsongs und einer Prise Orwell’scher Dystopie. Zwischen Ekstase und totaler Erschöpfung wird immer wieder in mantraartigen Sprechgesängen rezitiert, was im Leben wichtig ist: Fleiß, Arbeit, liebe dich selbst. 
Aus dem Puppenhaus, aus dem die originale Nora ausbrach, wird ein kapitalistisches System, das den uniformierten Männern und Frauen das Äußerste abverlangt. Schwäche wird nicht geduldet, der Begriff Freiheit ist in der Datenbank dieser Zukunft nicht definiert. Und jetzt kommt das männliche Dilemma: Was, wenn er nicht mehr kann? Starke Frauen haben sich hochgearbeitet, sich freiwillig für die harte, maskuline Welt entschieden. Männer hatten nie eine Wahl. So wird Torvald zum Opfer, zur Puppe, die in sich zusammensackt: ‘Das Mannsein ist mir unerträglich.’”
DIE PRESSE

“Nicht Nora als Mutter aller Emanzipationsbewegungen steht im Mittelpunkt des neuen Stücks, sondern der von ihr verlassene Mann Torvald Helmer. Es behandelt einen gescheiterten Feminismus, den Erschöpfungsfuror der Menschen, der Wirtschaft, der Politik (…) Begeisterung, lautstarker Beifall von einem sehr jungen Publikum.”
KRONENZEITUNG

“Regisseurin Rachelle Nkou löst in ihrer Reinterpretation des Stoffes die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf; ihre Nora wurde vollständig absorbiert von einer durchkapitalisierten Gesellschaftsordnung und hat selbst die Mechanismen des ständigen Funktionierens und der Selbstoptimierung verinnerlicht. (…) gebrochen durch spannende musikalische Passagen, in denen die elektronisch-sphärische Musik von “Austrian Apparel” ertönt und die hörbare Aussicht auf die Möglichkeit eines anderen Daseins liefert; allem voran beim starken Anfangssong, einer von Alexander Braunshörs Torvald mit eindringlicher Stimme vorgetragenen Version von Gnarls Barkleys ‘Crazy’”.
WIENER ZEITUNG

“Wird bei Ibsen die bürgerliche Enge thematisiert, geht es hier um eigentlich alles: Den Zwang zur permanenten Selbstoptimierung, um Egoismus und Erfolgsdruck, Überarbeitung und um Mann-Frau-Konzepte. (…) einzelne Ideen sind brillant oder zumindest unterhaltsam, auch wenn man sie nicht unbedingt versteht – etwa den befremdlichen, aber sehr komischen Schuhplattler, zu dem die Worte „Abu Dhabi – Berlin“ gerufen werden. (…) Ein Höhepunkt ist Julian Loidl als Rechtsanwalt Krogstad, der Theodor Storms Gedicht vom Knecht Ruprecht aufsagt und dabei gar nicht lieb dreinschaut.”
KURIER

“Ein konsumfreundlicher, spritzig-witziger Abend, aber mit winzigen Haken und Ösen versehen, die im Abgang ganz schön zwicken können.”
EUROPEAN CULTURAL NEWS

WAS WÄRE WENN...?

© JUDITH STEHLIK

TAG WIEN 2014/2015

Mit: Alexander Braunshör, Birgit Linauer, Julian Loidl, Johanna Orsini-Rosenberg und Martin Bergmann. Konzept und Regie: Rachelle Nkou. Text: Rachelle Nkou, Lisza Loidl, Iris Stromberger, Raimund Wallisch. Bühne: Florian Reichmann. Musik: Austrian Apparel. Kostüm: Rachelle Nkou. Foto, Video: Judith Stehlik