Rachelle Nkou

 

ERWACHET (ROMAN AUSZUG)

DAS LAMM 1

Zur zeit wog sie bei einer Körpegrösse von 1 meter und 72 Zentimetern exakt 60 Kilogramm. Der täglich kontrollierte und dokumentierte Muskelanteil dieser unerschütterlichen biologischen Masse betrug 40% und wurde durch fünfmaliges Wochentraining  (Thaiboxen 2. DAN, Marathon und Sprinttraining abwechselnd, sonntags Squashmatches gegen Lukas aus dem Kampfzentrum „Muay Thai“, hundert Sit-ups, Liegestützen und Kniebeugen, sowie zwanzig Minuten Meridianyoga vor der allmorgendlichen Dusche) gestählt und in bester Routine gehalten. Geduscht wurde kalt. Eiskalt.  


Die 45jährige Klara Klamm, von ihren Kollegen bei der Polizei zynisch und neidisch „das Lamm" oder einfach nur "LAMM“ genannt, war seit 20 Jahren im Polizeidienst tätig. Seit 5 Jahren konnte man sie aus dem Spezialeinsatzkommando nicht mehr wegdenken. In ihren Anfängen, bevor sie als einzige Frau die Ausbildung zur Spezialeinheit als Jahrgangsbeste abschloss, war sie als Streifenpolizistin, später als Kriminalpolizistin im Einsatz gewesen. 


Im Gegensatz zu ihrer aktuellen körperlichen Verfassung, und dem im grossen und ganzen stark dominanten Auftreten, war LAMM, oder besser gesagt - die kleine Klara Klamm- ein zerbrechliches und tief verunsichertes Kind mit grossen, traurigen Augen gewesen. 

Ein Mädchen, das sich frühmorgens in der unerfüllten und unstillbaren Sehnsucht nach Sicherheit den Betonwänden entlang durch die Gassen der Stadt bis zum Schulhaus schlich, nachdem sie sich willenlos aus der Tür ihres Elternhauses gezwängt hatte.


Die letzte Ampel vor Durchschreiten des Schultors verlieh ihrem allmorgendlichen Elend eine erste besondere Intensität. Mehr als hundert Meter davor versuchte Klara ihr Schritttempo systematisch der Grünphase anzupassen, so dass es auf keinen Fall zu einem Warteaufenthalt bei Rotlicht kommen konnte. Dieser kurze Stillstand nämlich, bedeutete für Klara Qualen. 

Schaltete die Ampel auf rot, brach der Verkehr los, und sie war gezwungen stehen zu bleiben. Binnen Sekunden sammelte sich eine Traube von Schülern aus den verschiedensten Klassen um die verängstigte, introvertierte, kleine Klara Klamm, deren Ohren schlagartig überliefen von bösartigen Beschimpfungen und perfiden Provokationen. Sie spürte Schläge auf den Hinterkopf und gegen die Schienbeine. Gleichzeitig nahm sie einen Ellbogen in der Magengegend, einen Stoss gegen die Rippen und glibberiges Feucht von Spucke auf ihrer Wange wahr. Irgendjemand riss den Bund ihrer Hose in Richtung Rückenmitte, was zwischen den Beinen brannte. Sie hatte schon seit Mitternacht Blasenschmerzen. Wahrscheinlich wieder der Beginn einer Entzündung. Sie war sehr oft krank und die Blase hatte sich in letzter Zeit als ihre grösste Schwachstelle offenbart. 


Rot, Orange - GRÜN. Dichtmachen: Augen zu, Zähne und Lippen aufeinander pressen, Weitergehen. Einfach Weitergehen. Einen Fuss vor den Andern setzen. Bis ans Ende des Fussgängerstreifens musste sie durchhalten. Da strömten die Freunde der Feinde aus zwei Strassenrichtungen herbei, und das Interesse an Klara verlor sich sofort in Geschwätz, Begrüssungen, Witze und Gelächter… 


Stille. Atmen.


Der heutige Einsatz hatte LAMM in ihrer Kaltblütigkeit zu voller Leuchtkraft gebracht. Die Situation war innert Sekunden genau erfasst, die emotionalen Zustände der Beteiligten analysiert und die daraus zu folgernden Verhaltensmöglichkeiten berechnet, inklusive Affekt- oder zweckorientierten Handlungsweisen. Sie mochte keine Kinder, mehr als das- sie ekelte sich vor ihnen. Weshalb oder seit wann sie so empfand, wusste sie nicht. Die Anwesenheit von Kindern befreite in LAMMs nebulösem Unterbewusstsein ein dunkles Monster, das sich durch ihre Hirnwindungen, die Kehle runter, bis ins Herz frass um sich dann schwer und zäh auf ihre Brust zu setzen. In Gedanken wechselte sie sofort die Strassenseite wenn ihr ein Kind entgegenkam. Strassenseiten wurden nach Möglichkeit in einer Distanz von 100 Metern gewechselt.

Trotzdem würde sie diesem Kind das Leben retten. Wie schon vielen davor. Genau genommen waren es neun. Davon vier Mädchen. Sie würde auch heute dafür sorgen, dass dieser kleine Junge die Chance bekam, sich irgendwann wieder geborgen und sicher zu fühlen. Eine Chance, die ihr nie jemand ermöglicht hatte.

© RACHELLE NKOU 2017/18